Irgendwann muss man aus Tel Aviv zurück in die Heimat und bereits nach zweieinhalb Tagen im “Big-Apple des Nahen Ostens” seufzt man kummervoll: “Boah, geht’s eigentlich noch, Deutschland?” Gemeint ist The German Regulierungswut. Fahrradhelme, Leinenzwang, Rauchverbot, Gesundheitstage, Fahrradpolizei, Vorschriften zum Verbot von Kindergartenübernachtungen, Aktionstage gegen Falschparker, Erlaubniserklärungen und Unterschriften für Waldwochen, Lebensmittelampeln, DSGVO, Wifi-Bedenken, Verbot von Cannabis usw.. Und man fragt sich bei vielen der Besser-Leben-Ratschlägen: Ist das noch Nudging oder bereits eine ausgewachsene Neurose? Sicherlich mag das alles sinnvoll sein, aber man fühlt sich schon wie ein Punk, wenn man sein Kind auf dem Gepäckträger, ohne Helm und Anschnallgurt vom Kindergarten nach Hause trampelt – toll! Freiheit! Fuck the system!

In Tel Aviv ist das meiste natürlich auch verboten und Gepäckträgerfahren ist dort bestimmt mindestens so kriminell wie in Deutschland, es schert hier nur keinen. Brauche ich nicht Lampen an meinem Rad, will ich vom Fahrradverleiher wissen. “Yeah, you can take some, but you don’t need them.” “And the police? (I’m coming from Münster, will ich fast ergänzen)” Schulterzucken: “Believe me! You won’t need.” Weiterlesen

Zuckerdosen mit Goldrand,
und Jungmadamsen an Tischchen,
sitzen an der Abrisswand.
Auf Omas Sesseln in beige Velours,
drei Herren mit Bart, einsam, ein bisschen.
wünschen sich was und träumen nur.
Suchende Blicke,
Käsensahnestücke.
Die Damen ignorant.
Tragen schwarze Mappen,
und Start-Up-Gedanken.
Ein neues Wasser mit Soda?
Viel Capital-Venture, oder?
Gestrickte Pullis,
Gezückte Kulis.
Auf Sofas mit Fransen dran.
grübeln überm Businessplan.
Also, nee!
Dann geht der Mann.

ZWEI MINUTEN BIS ZUM WELTUNTERGANG

Das Söhnchen hat zur Kommunion eine Casio-Digital-Uhr bekommen und stoppt jetzt alles, was er tut: Eine Gabel aus der Schublade holen, die Treppe rauf und runter laufen, sich anziehen, einmal um den Kirschbaum rennen, Butterbrote essen und sich in der Nase bohren. Ein Personalmanager hätte seine Freude dran! Dazu gibt es ständig die typischen Piepgeräusche, die man noch aus den 80ern kennt und Ausrufe wie: „Oh Wahnsinn, noch drei Minuten, dann ist meine ganz lang eingestellte Zeit um!“ Und der kleine Bruder ruft erfreut: „Gleich ist Weltuntergang!!!“ Dann piept es und die Kinder rennen schreiend ins Haus und verstecken sich *piep* zwei Minuten und vierundvierzig Sekunden unterm Bett *piep*.

Der Mann sagt enerviert, dass die Casio-Uhr-Typen früher diejenigen waren, die später Aktenkoffer trugen und nie Sex hatten. „Ich hatte auch eine Casio-Uhr“, sage ich empört. „Das mit dem Sex war abhängig davon, wie lange man seine Casio-Uhr trug und ob sie mit oder ohne Taschenrechner war!“ „Trotzdem bezeichnend“, sagt er. Ich fahre unbeirrt fort: „In weiß und wasserdicht bis 20 meter. Und die hat hinterher so ranzig nach Schweiß gestunken, hinterm Armband – ich fand das geil!“ Der Mann: „Pervers! Ich hatte immer eine Uhr mit Zeigern.“ „Tja siehst du und deshalb bist du Lehrer geworden und ich Innovationsmanager“, sage ich. Dann sagte er was mit aber dafür mehr Verdienst, aber das habe ich vergessen. Ah, und das mit dem Sex haben wir auch noch geklärt. Zeigeruhrenträger… tse.

tralla-berlin-fashion-ute-hamelmann

Dank des berühmten Kellerstudio-Fotografen F.G.H. hier eine kleine Impression aus der Tralla-Berlin Shirt-Prototyping-Werkstatt. Die Sweater sind klasse, aber der Druck noch optimierungsbedürftig. Nächstes mal probieren wir Flex- und Siebdruck und paar neue Motive.

Fastenzeit

Jeder macht ja jetzt Diät,
von morgens früh bis abends spät.
Denn nach dem leberfetten Treiben,
versucht nun standhaft man zu bleiben,
darbt an Zucker, Fett und Kohlhydraten,
Ethanol und manch’ Phosphaten,
ernährt sich nur von dicken Säften,
um Darm und Magen zu entkräften,
trinkt Smoothies, Tees und Detox-Suppen,
will schlank sein wie die Insta-Puppen.
Low-Fat, Low-Carb, Low-Saccharose,
es rutscht schon jetzt so manche Hose.
Heute vier und morgen drei,
stach, stach mit, und hier noch zwei!
Die Kilos purzeln munter,
immer weiter, weiter runter.
Alle diäten wie verrückt,
und sind vom Fasten ganz entzückt.
“Denn wer jetzt noch isst und trinkt,
der ist maßlos und der spinnt!
Bier, Genuss und Völlerei,
all‘ das ist uns Einerlei!“
Intoleranzen, Dünst-Rezepte,
füllen nun die Small-Talk-Sätze.
Böse Fette, ganz versteckte,
und erst die Stoffwechseleffekte!
Ganz Deutschland ist im Fastenfieber,
ach, Deutschland, dick bist du mir lieber!