Berliner Tagebuch #4

von Alfriede Kerl

Heute in die Welt von Tante L. nach Grunewald entschwebt. Hach! Man möchte am liebsten versinken, in den dunkelblauen, weichen Fauteuils, die einen wie ein kleines Nestchen wohlig umschmeicheln und nie mehr loslassen mögen! L. wandelt indes in eleganten, weiten Seidenhosen über ihre orientalische Auslegeware durch sonnengelb tapezierte, stuckierte Salons und kredenzt selbstgebackene Küchlein und Kaffee im efeuornamentierten Sommerporzellan – Grazie, Anmut & haut la main. Hach! Hach! Wie pittoresk die ersten Strahlen der Frühlingssonne das angrenzende arkadische  Gartenzimmer fluten – zauberhaftestes Trompe-l’œil einer kleinen Laube. Die Vöglein zwitschern in den Hortensien, ein wohlbeleibtes Springbrunnenpüttlein plätschert gut gelaunt vor sich hin, sanfter Frühlingswind streichelt durch die Birken. Unaufgeregtes Geplauder über diese und jene Kunstausstellung im Lande „Der Dix in Düsseldorf, toll arrangiert und irrsinnig ergreifend“. „Den Richter in Essen, müsst ihr unbedingt sehen!“ und melancholisches Schwelgen (jeden Satz mit einem leisen Ja-Ja-Seufzer beendend) in Familienerinnerungen. Hach! Hier hat die Welt noch die wohltuende Ordnung eines 80er Jahre Kaffeewerbespots.

Leider gibt es dergleichen opulentes Interieur nicht mehr viel in den sogenannten In-Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg. Da rümpelt man sich sein In-Chambre mit 50er Jahre Repliken oder ollen 60er Kommödchen vom Sperrmüll zu, über deren Originalität man anhand auswendig gelernter Designlexikon-Artikel ins Schwärmen gerät. Keine Patina! Zum Glück übt man gerade den Turnaround und Omas Art-Déco-Anrichte wird wieder aus dem Keller geschleppt und an die Wand gehievt. Aber welch neumodische Unart, dass Wohnungen von besonders kreativen Menschen auch immer gleich Showrooms sein müssen. (Man wird den Eindruck nicht los, sie seien eigentlich nur zu diesem Zwecke überhaupt eingerichtet worden). Wozu? Und siehe: Das Habitat der ganz besonders erfolgreichen und ganz besonders kreativen Berliner sieht heutzutage so aus (= teuerst + mindestens von zwei international-namhaften Interieurdesignern en detail kuratierte + zusammenauktionierte Gebrauchsgegenstands-, Kunst- und Möbelcollage. BRÜCHE, BRÜCHE, BRÜCHE! Designer ja, aber pas de tout bloß nicht von der Stange!)! Bittesehr! Oho! Aha!  Sogar das Teekännchen ein Originalentwurf von Gio Ponti – quel effort intense. Man könnte es als neue Biedermeierlichkeit goutieren, wenn dieser  elende Missionsdrang nicht wäre, selbst den Flaschenöffner aritkelweise zu veröffentlichen! So ALSO leben die oberen Zehntausend in Berlin zwosiebzehn! DAS ist also ihr Flaschenöffner! Immerhin, und das ist sehr beruhigend an diesen Upper-Class-Lifestyle-Zoos, Berlin ist nicht nur arm und sexy.

Berliner Tagebuch #3

von Alfriede Kerl

Mit D. zum obligatorischen Mittwochsmartini ins Stue. D. heute in verstörender Aufmachung und terriblem Look: Camouflage Jumpsuit (P.A.R.O.S.H. via Farfetch), silberne Sneaker (Hogan Rebel), Climate Revolution Rucksack von Vivienne Westwood mit allerlei Taschenmessern, Anzündern, LED-Lampen und einem Handkurbelradio. Ungeschminkt, unfrisiert, müde, erschöpft. Hab ich etwa einen neuen Instagram-Hashtag verpasst?  D. fragt, ob ich mich auch schon eingedeckt hätte. „Eingedeckt? Womit? Acqua di Parma? Austern? Kaviar?“ „Wasser! Konserven! Holz! Milchpulver! Trockenfrüchte!“ D. befürchtet den Weltuntergang! Du liebe Güte. Da war mir ihre Histaminintoleranz ja noch lieber.

Rechts der Putin, links der Trump, Syrien, Nordkorea, alles Vollidioten, Honks, Wahnsinnige und sie, D., dazwischen. Das könne ja, verdammt nochmal, nicht gut gehen. Pulverfass! Wahnsinn! Wahnsinn! D. nippt, dem totalen Zusammenbruch nahe – sie schläft neuerdings sitzend und ist strategische Evakuierungsbeauftragte der Kita Knirpsenbude-, zur Beruhigung am Martini Dry. Außer D. und mir jetzt keiner mehr in der Bar. Wahnsinn!

Ich halte mein rechtes Nasenloch mit dem linken Daumen zu und übe mich sanft ausatmend in ayurvedischer Gelassenheit nach Yogi Bhajan von meiner Teepackung. „Serve your spirit“, denke ich und memoriere zur Entspannung ein paar Teebeutel-Zettelchen mit Yogis Sprüchen: „Ziel des Lebens ist es, sich in jedem Moment zu erfreuen!“ D. findet das NOT FUNNY AT ALL!  What the f*** ich zum Beispiel täte, wenn jetzt Atomangriff wäre: „BÄÄÄÄM!“ – D. mit irregroßer Geste. „Champagner für alle zu Jolly Fella Tarantella?“ (Der ist natürlich nicht vom Yogi, sondern von mir.)
D. zieht ein beleidigtes Gesichtchen und eine Liste aus ihrem Westwood-Rebellen-Sack: 10 Dinge, die sie vor dem Weltuntergang noch tun möchte. Durchgestrichen sind bislang nur: „Packung Chips auf einmal essen“ und „Joint rauchen“. Flehend tippt sie auf: „Mit einer Frau Sex haben“ Armes Hascherl. „Liebe ist Leben. Leben ist Liebe!“ Hach, wie der Yogi Bhajan das aber auch immer macht mit seinen Sprüchen. Der hat ja immer recht!  Selbst beim Weltuntergang: „Lasse die Dinge zu dir kommen.“ Sacrebleu!

Berliner Tagebuch #2

von Alfriede Kerl

Zum Frühstück T. im 3-Minutes-s.m. getroffen. T. arg verstimmt und übellaunig: Besser gar kein Rendezvous als ein Schlechtes! Jammerorgie! Während er (T.) vorgestern nach dem Essen erwartungsvoll im Hotelzimmer saß, klappte sie (das Rendezvous=IT-Beraterin) vor seiner Nase das Bügelbrett auf! Ausgerechnet! DAS hätte er auch bei seiner Frau haben können! Und dafür das sündhaft teure Essen!

Dann wurde erstmal geduscht (nur sie)! Abgeschlossen sogar! Während er einfach nur da saß und wartete. Immerhin hatten die vom Hotel einen Autoauktionskatalog aufs ovale Mahagonitischchen gelegt. Sie über eine dreiviertel Stunde in der Dusche! Er dafür den Maserati Quattroporte, taxiert auf 9.000-12.000 englische Pfund. Schickte er gleich an seinen Freund O.. Der beanstandete prompt die Probleme mit den Nockenwellen. Jaguar E-Type zu teuer, der BMW Z1 in dunkelgrün metallic, formely owned by Bernard Sumner von New Order, weckte O.s Interesse.

Endlich hatte das Gedusche ein Ende. Und auch die Nockenwellendiskussion mit O.. Aber dann wurde erstmal der Koffer gepackt und die Sachen für den nächsten Tag rausgelegt. Bluse aufs Bügelbrett. Nach Teamterminkoordination ihrerseits für den nächsten Morgen und längerem Teamterminkoordinierungstelefonat mit dem russischen Kollegen V. (nachts um halb eins!) ein bisschen liebloses Herumgemache. Quel Blamage!  T.  zutiefst deprimiert! T. in Tränen! Herzliche Enttäuschung über seine nachlassenden Qualitäten als Liebhaber und nicht mal einen Quattroporte kann er sich leisten! Morgen kriegt er Pillen.

Berliner Tagebuch #1

von Alfriede Kerl

Heute bei Familie R. in Dahlem zum Kaffee. Hübsches Küchlein, hübsche Kinder. Nur dieser Hund. Stinkt aus Mund und Fell! Unerträgliches Mistvieh! Madame R., einstmals Aktreuse an der Volksbühne, nicht besonders gut, aber im ganzen aufregender Stil, viele Zigaretten, lautes Gegeier, zahlreiche Off-the-Record-Skandälchen auf dem frechen Zünglein und atemraubender Augenaufschlag, versorgt nun, mit verwelkend, verwölkter Hingabe ihre vier Kinder. Herr R. ein gutmütiges, der Wissenschaft verschriebenes Käuzchen, pafft derweil wohlfeil an seinem Zigarillo und doziert über die anti-mykotische Wirkung von Clorella und Spirulina. Gespräche über Kinderhobbys und Bioernährung. Ob so viel Harmonie, direkt ins Altberlin.

Paris Bar

paris-bar002

Nackte Leiber, Brauntapete.
Ärsche und stand still and rot.
God is busy, Poprakete,
Kippi ist hier niemals tot.
Die Mücke singt.
Der Neger swingt.

Many Püppchen und Capote,
Romy kuckt mit strenger Miene,
Augusts Schildchen, wandvoll Tote.
kokett grinst die Zigarettentrine.
Strange Adventures in Berlin,
da musste mit, da musste hin!

Gestern wieder spät gewesen,
in spreegolden Friedrichshain.
Serge lächelt unterm Tresen,
Gout de mar, ganz ungemein.
Je ne sais qoui.
Deux Eau de vie!

Neben mir sitzt Toni,
sein Erdmann fliegt nach Tinseltown.
en face thront Vroni,
schlürft lila Muschelschaum.
Der blaue Fisch,
zum Russentisch.

Verrückt, verdreht, an der Decke
klebt: Dadacollage, Weltverkehr,
und vor der Toilette,
geht’s besonders heiß her.
Santé. Hip, hip, hurra,
Du altversaute Paris Bar!

 

Der Vorsatz

Im neuen Jahr soll es gelingen,
will meine Fehler nun bezwingen.
Ein Prost auf’s „Ich“, wie’s früher war,
ein neuer Mensch im neuen Jahr!

Doch nach den Weihnachtsfeiertagen,
muss ich mich mit den Steuern plagen,
so wird vertragt auf Februar,
der Vorsatz aus dem Januar.

Der Februar ist ach so trist,
dass noch kein Platz für Neues ist.
In diesem neblig Trüben, Nassen,
lässt beileibe kein Entschluss sich fassen!

Wenn erst der März schon wäre …
ach, mit ihm kommt Frühjahrsschwere.
Im April ist sie bezwungen,
doch wird das Haus nun abgewrungen.

Ah, da kommt der Mai,
der ist, wie immer, schnell vorbei.
Im Juni ist es viel zu schön,
um selbstkritisch in mich zu gehn’.

Der Juli, uff, welch große Hitze,
wo ich doch schon beim Nichtstun schwitze!
Nein, so lässt sich nichts kreieren
und auch der Vorsatz muss pausieren.

Im August fang ich sodann,
noch mal ganz von vorne an.
Und just bei dem Gedanken,
gerät mein Vorsatz ganz ins Wanken.

Endlich! Der September bricht herein!
Ich will nun ehrlich mit mir sein,
doch überfällt mich in dieser Situation,
die erste Herbstdepression!

So wird er dann erneut verschoben,
um im Oktober zu geloben,
dass der Vorsatz im November,
noch Zeit hat bis Dezember.

Und am ersten Januar
werde ich getrost gewahr:
Es lässt sich jetzt und eben,
auch ohne Vorsatz sehr gut leben.

WURST!

cartoon-wurst-name-vegetarier-ute-hamelmannNachdem das Thema „Wurst“ die höchste politische Ebene erreicht hatte, nahmen Kunst und Philosophie wieder ihren Platz im gesellschaftlichen Diskurs ein und man staunte allenthalben, dass Intellektuelle wie anno dunnemals im TV sprechen durften, ja sogar eigene Talkshows bekamen, in denen geraucht, getrunken, geflucht, sich angeschrien und sehr viel durcheinander geredet wurde.