Berliner Tagebuch #3

von Alfriede Kerl

Mit D. zum obligatorischen Mittwochsmartini ins Stue. D. heute in verstörender Aufmachung und terriblem Look: Camouflage Jumpsuit (P.A.R.O.S.H. via Farfetch), silberne Sneaker (Hogan Rebel), Climate Revolution Rucksack von Vivienne Westwood mit allerlei Taschenmessern, Anzündern, LED-Lampen und einem Handkurbelradio. Ungeschminkt, unfrisiert, müde, erschöpft. Hab ich etwa einen neuen Instagram-Hashtag verpasst?  D. fragt, ob ich mich auch schon eingedeckt hätte. „Eingedeckt? Womit? Acqua di Parma? Austern? Kaviar?“ „Wasser! Konserven! Holz! Milchpulver! Trockenfrüchte!“ D. befürchtet den Weltuntergang! Du liebe Güte. Da war mir ihre Histaminintoleranz ja noch lieber.

Rechts der Putin, links der Trump, Syrien, Nordkorea, alles Vollidioten, Honks, Wahnsinnige und sie, D., dazwischen. Das könne ja, verdammt nochmal, nicht gut gehen. Pulverfass! Wahnsinn! Wahnsinn! D. nippt, dem totalen Zusammenbruch nahe – sie schläft neuerdings sitzend und ist strategische Evakuierungsbeauftragte der Kita Knirpsenbude-, zur Beruhigung am Martini Dry. Außer D. und mir jetzt keiner mehr in der Bar. Wahnsinn!

Ich halte mein rechtes Nasenloch mit dem linken Daumen zu und übe mich sanft ausatmend in ayurvedischer Gelassenheit nach Yogi Bhajan von meiner Teepackung. „Serve your spirit“, denke ich und memoriere zur Entspannung ein paar Teebeutel-Zettelchen mit Yogis Sprüchen: „Ziel des Lebens ist es, sich in jedem Moment zu erfreuen!“ D. findet das NOT FUNNY AT ALL!  What the f*** ich zum Beispiel täte, wenn jetzt Atomangriff wäre: „BÄÄÄÄM!“ – D. mit irregroßer Geste. „Champagner für alle zu Jolly Fella Tarantella?“ (Der ist natürlich nicht vom Yogi, sondern von mir.)
D. zieht ein beleidigtes Gesichtchen und eine Liste aus ihrem Westwood-Rebellen-Sack: 10 Dinge, die sie vor dem Weltuntergang noch tun möchte. Durchgestrichen sind bislang nur: „Packung Chips auf einmal essen“ und „Joint rauchen“. Flehend tippt sie auf: „Mit einer Frau Sex haben“ Armes Hascherl. „Liebe ist Leben. Leben ist Liebe!“ Hach, wie der Yogi Bhajan das aber auch immer macht mit seinen Sprüchen. Der hat ja immer recht!  Selbst beim Weltuntergang: „Lasse die Dinge zu dir kommen.“ Sacrebleu!

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