Irgendwann muss man aus Tel Aviv zurück in die Heimat und bereits nach zweieinhalb Tagen im “Big-Apple des Nahen Ostens” seufzt man kummervoll: “Boah, geht’s eigentlich noch, Deutschland?” Gemeint ist The German Regulierungswut. Fahrradhelme, Leinenzwang, Rauchverbot, Gesundheitstage, Fahrradpolizei, Vorschriften zum Verbot von Kindergartenübernachtungen, Aktionstage gegen Falschparker, Erlaubniserklärungen und Unterschriften für Waldwochen, Lebensmittelampeln, DSGVO, Wifi-Bedenken, Verbot von Cannabis usw.. Und man fragt sich bei vielen der Besser-Leben-Ratschlägen: Ist das noch Nudging oder bereits eine ausgewachsene Neurose? Sicherlich mag das alles sinnvoll sein, aber man fühlt sich schon wie ein Punk, wenn man sein Kind auf dem Gepäckträger, ohne Helm und Anschnallgurt vom Kindergarten nach Hause trampelt – toll! Freiheit! Fuck the system!

In Tel Aviv ist das meiste natürlich auch verboten und Gepäckträgerfahren ist dort bestimmt mindestens so kriminell wie in Deutschland, es schert hier nur keinen. Brauche ich nicht Lampen an meinem Rad, will ich vom Fahrradverleiher wissen. “Yeah, you can take some, but you don’t need them.” “And the police? (I’m coming from Münster, will ich fast ergänzen)” Schulterzucken: “Believe me! You won’t need.” Nicht mal Speichenreflektoren hat das Ding, stelle ich als polizeilich geschulte Schul-Fahrradprüfungsmutti fest. “Want a helmet?” Ich gehe aufs ganze und sage mutig nein. Die wenigsten tragen hier einen Helm, dabei brettern sie in atemberaubender Geschwindigkeit (und meist mit nacktem Oberkörper) mit ihren Elektrorollern und Elektrobikes die Straßen und Radwege entlang. Überall wimmelt es davon. Herkömmliche Autos quetschen sich dazu auch noch massig durch die Stadt. Es ist heiß, der Verkehr ist chaotisch und Ampeln haben eher symbolische Bedeutung. Immerhin hält sich ein Großteil der Autofahrer an das Drei-Farben-Roulette.

Tel Aviv ist ein großer Abenteuerspielplatz für Pedalritter. Yay! Mein Adrenalinspiegel steigt sekündlich. Mal fahre ich auf der Straße, mal auf dem Bürgersteig, mal in richtiger, mal in falscher Richtung. Andauernd werde ich von hupenden Scootern und Rollern überholt und der Gegenverkehr fährt gern auch mal auf meiner Spur. Dann ruft man einfach laut “Ho!” oder “Hey!”, macht Platz und die ganze Corona rollt munter weiter. Alles flitzt und rast, vor allem die üppig mit Regenbogenfahnen geschmückte Beachpromenade entlang, das eigentliche Wappen von Tel Aviv. Von meinem Host Avi erfahre ich, dass vor zwei Wochen über 250.000 Leute bei der Gay-Pride-Parade waren, die größte im Mittleren Osten. Im Gay-Happiness-Ranking rangiert Israel auf Platz 7 von 127 Staaten, damit einen Platz vor den Niederlanden und sieben vor Deutschland.

In den engen Gassen und Straßen des pittoresken Flohmarkt-Viertels Neve Tzedek fahre ich kreuz und quer. Im Hipster-Stadtteil Florentin nehme ich versehentlich eine lange Einbahnstraße in falscher Richtung. Verdutzt stelle ich fest: Es juckt keinen! Kein Angeschnauze, nicht mal einen freundlichen Fingerzeig bekomme ich, geschweige denn, dass ich Angst haben muss, die Polizei lauert mir an der nächsten Straßenecke auf, um mir einige hundert Schekel abzuknöpfen. Ich fühle mich sensationell! Frei und unbeschwert und werde immer mutiger. Ich cruise die Allenby Road rauf und runter und fahre durch die White City rund um die Dizengoff Straße wild und wohin ich will! Manchmal auch zickzack. Im geschickten Slalom umkurve ich am alten Hafen ein paar Fußgänger. Nicht ein blöder Blick, nicht ein Kommentar. Nicht mal als ich unbedacht mit dem viel zu breiten Bike durch die enge Gasse des proppenvollen Carmel-Marktes schiebe, und alle ausweichen müssen, um die Lenkergriffe nicht fies zwischen die Rippen gerammt zu bekommen.

Schließlich lasse ich mich am Beach nieder. Vor mir aalt sich ein schwules Paar mit seiner kleinen Tochter in der Sonne. Neben mir unter der schattigen Strandpergola hockt im schwarz-weißen Mickey-Mouse-Zweiteiler ein Drugdealer auf einem orangefarbenen Plastikstühlchen und wartet auf Kundschaft, die er dezent aus einem kleinen Herren-Ledertäschchen bedient. Heute kommt nur einer der tätowierten Beach-Papas vorbei: “Schalom!” Ein paar Liegen weiter links rauchen junge Boys Wasserpfeife und weiter rechts jagt sich ein Dutzend Hunde freudig durch das seichte Wasser, obwohl der Hundestrand noch gut fünfhundert meter entfernt liegt, na und?

Abends in den Bars in der Nahalat Binyamin Straße und im Underground-Club am Rothschild Boulevard wird viel und fröhlich getrunken und gekifft, überhaupt umweht mich auf meiner Tour oft ein süßlicher Kräuterduft. Alles verboten, das meiste toleriert. Wird man, was sehr unwahrscheinlich ist, mit einem Joint erwischt, muss man 250 Euro zahlen, beim vierten Mal, könnte man unter Umständen verhaftet werden. Über 25.000 Israelis kiffen Marihuana legal, sagt Avi, aus medizinischen Gründen.

Die Stadt gibt einem gefühlt die Freiheit, frei zu sein. Vielleicht sind deshalb alle so bedacht auf die Gelassenheit im Umgang miteinander. Juden, Araber, Afrikaner, Asiaten, Beduinen, Christen, Schwule, Lesben, Touristen – ja selbst die Hunde wirken hier entspannter.