Archiv für den Monat Juli 2018

War ich im vergangenen Jahr Berlin-Fan, wechselt mein Städteherz schneller als Dorothy Parker ihre Liebhaber: Madrid! So ziemlich das Gegenteil von Berlin. Katholisch, genussfreudig, opulent. Keine berühmten Wahrzeichen, dafür aber architektonisch ein mondän hollywoodesques Art-Deco-Setting, durch das man wie durch eine 20er Jahre Filmkulisse wandelt – alles ist Bühne.

Meine erste Station ist der “Mercado de San Miguel”. O heiliger Sabber! Wenn es einen Gott gibt, hier ist sein Foodporn-Paradise. Bei Pinkleton & Wine an der Bar sitzen sie, die Baby Schimmerlose und Spazls der Stadt. Es schmatzt und schwatzt, es gluckst und gluckert. Im Vergleich zu Berlin sind die Leute hier verwirrend gut drauf und tragen verstörend farbenfreudige Kleidung und riechen aufreizend nach Parfüm. Nix Normcore! Hier wird sich mit Lust noch richtig aufgebrezelt. Hier kippt man sich den Brut platine von Nicolas Maillart um drei Uhr nachmittags gläserweise hinter die Binde. Scheiß auf Detox, in Madrid wird noch ordentlich gesoffen, gequarzt und gepupst. Nicht eine Intoleranz-Warnung lese ich in der Stadt, dafür muss ich im Prado ein ums andere Mal geschickt fies stinkenden Besucherfurzsalven ausweichen.

Die Mitglieder des Pinkleton-Round-Table schaffen emsig wie Ameisen lukullische Köstlichkeiten herbei: Aufgeschäumte Büffelmozarella-Kreationen, Empanadas und exquisit belegte Tappas-Schnittchen, frisch frittierte Baby-Sardellen und Mini-Calamares, variantenreich drapierte Olivenspieße, oder dürfen es Austern mit Mango Ceviche und Galangal Spuma, sein? “Si! Si”, nicke ich energisch, “immer rüber damit!” Schlürf, löffel, saug, köstlich! Wochenlang könnte man sich durch dieses Schlaraffenland futtern! Ich mache das zumindest eine Stunde. Rülps! Aaah! Pardon!

Vom “Lhardy” (Mocca-Ecclair) und der “Casa Mira” (Veilchenbonbons) über die Dachterrasse des Fine Arts Theaters (Panorama) geht es weiter in die Sammlung Thyssen Bornemisza (Kunsthistoriker-Playboy). Von dort mache ich mich auf, das inzwischen durchgegenderte Arbeiterviertel Lavapiés zu entdecken. Im Kamikaze-Theater gibt man heute das Stück “Ilusiones”. Leider komme ich dort nie an. Die Gassen dieses ehemaligen Drogen- und Hausbesetzerviertels sind dermaßen eng und unübersichtlich, dass selbst Herr Google nicht mehr weiter weiß und mich minütlich neu zentriert. Gleich vier Mal laufe ich im Kreis und stehe nach zwei Kilometern Rumgeirre murmeltiertagmäßig wieder an der gleichen Straßenecke. Verdammt! Dann ist der Akku leer und verdammt dunkel ist es inzwischen auch.

Erschöpft latsche ich weiter durch dieses elende Labyrinth, einmal biege ich anders ab und erblicke einen hell erleuchteten Laden, in den ein paar junge Menschen huschen. Kurzentschlossen schlüpfe ich durch die halb geöffnete Tür. Etwa dreißig Leute knubbeln sich in dem Raum, dessen Wände goldfarben gestrichen sind. Es gibt Wein und Nüsse und eine kleine, gedrungene Frau um die fünfzig, mit Brille und struppigem, dunklem Haar, die aussieht wie eine soeben von der Straße gecastete Busfahrerin, begrüßt die Gäste. Alle kichern, außer ich. Ein charmantes Brad-Pitt-Alike ahnt mein Unverständnis und flüstert mir rasch “Art Performance” und “Juan Gallery” zu. “Aha!”

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