War ich im vergangenen Jahr Berlin-Fan, wechselt mein Städteherz schneller als Dorothy Parker ihre Liebhaber: Madrid! So ziemlich das Gegenteil von Berlin. Katholisch, genussfreudig, opulent. Keine berühmten Wahrzeichen, dafür aber architektonisch ein mondän hollywoodesques Art-Deco-Setting, durch das man wie durch eine 20er Jahre Filmkulisse wandelt – alles ist Bühne.

Meine erste Station ist der “Mercado de San Miguel”. O heiliger Sabber! Wenn es einen Gott gibt, hier ist sein Foodporn-Paradise. Bei Pinkleton & Wine an der Bar sitzen sie, die Baby Schimmerlose und Spazls der Stadt. Es schmatzt und schwatzt, es gluckst und gluckert. Im Vergleich zu Berlin sind die Leute hier verwirrend gut drauf und tragen verstörend farbenfreudige Kleidung und riechen aufreizend nach Parfüm. Nix Normcore! Hier wird sich mit Lust noch richtig aufgebrezelt. Hier kippt man sich den Brut platine von Nicolas Maillart um drei Uhr nachmittags gläserweise hinter die Binde. Scheiß auf Detox, in Madrid wird noch ordentlich gesoffen, gequarzt und gepupst. Nicht eine Intoleranz-Warnung lese ich in der Stadt, dafür muss ich im Prado ein ums andere Mal geschickt fies stinkenden Besucherfurzsalven ausweichen.

Die Mitglieder des Pinkleton-Round-Table schaffen emsig wie Ameisen lukullische Köstlichkeiten herbei: Aufgeschäumte Büffelmozarella-Kreationen, Empanadas und exquisit belegte Tappas-Schnittchen, frisch frittierte Baby-Sardellen und Mini-Calamares, variantenreich drapierte Olivenspieße, oder dürfen es Austern mit Mango Ceviche und Galangal Spuma, sein? “Si! Si”, nicke ich energisch, “immer rüber damit!” Schlürf, löffel, saug, köstlich! Wochenlang könnte man sich durch dieses Schlaraffenland futtern! Ich mache das zumindest eine Stunde. Rülps! Aaah! Pardon!

Vom “Lhardy” (Mocca-Ecclair) und der “Casa Mira” (Veilchenbonbons) über die Dachterrasse des Fine Arts Theaters (Panorama) geht es weiter in die Sammlung Thyssen Bornemisza (Kunsthistoriker-Playboy). Von dort mache ich mich auf, das inzwischen durchgegenderte Arbeiterviertel Lavapiés zu entdecken. Im Kamikaze-Theater gibt man heute das Stück “Ilusiones”. Leider komme ich dort nie an. Die Gassen dieses ehemaligen Drogen- und Hausbesetzerviertels sind dermaßen eng und unübersichtlich, dass selbst Herr Google nicht mehr weiter weiß und mich minütlich neu zentriert. Gleich vier Mal laufe ich im Kreis und stehe nach zwei Kilometern Rumgeirre murmeltiertagmäßig wieder an der gleichen Straßenecke. Verdammt! Dann ist der Akku leer und verdammt dunkel ist es inzwischen auch.

Erschöpft latsche ich weiter durch dieses elende Labyrinth, einmal biege ich anders ab und erblicke einen hell erleuchteten Laden, in den ein paar junge Menschen huschen. Kurzentschlossen schlüpfe ich durch die halb geöffnete Tür. Etwa dreißig Leute knubbeln sich in dem Raum, dessen Wände goldfarben gestrichen sind. Es gibt Wein und Nüsse und eine kleine, gedrungene Frau um die fünfzig, mit Brille und struppigem, dunklem Haar, die aussieht wie eine soeben von der Straße gecastete Busfahrerin, begrüßt die Gäste. Alle kichern, außer ich. Ein charmantes Brad-Pitt-Alike ahnt mein Unverständnis und flüstert mir rasch “Art Performance” und “Juan Gallery” zu. “Aha!”

Dann geht es los. Drei Nachwuchskünstlerinnen trällern ziemlich trashig einen spanischen Text zum ebenso trashigen Song “Sonne statt Reagan” von Joseph Beuys, der aus einem Lautsprecher knarzt. Eine andere Frau, die mit ihren knallrot zerzausten Haaren aussieht wie ein Jeanne Claude-Double, spielt im Leder-Nieten-Tigerlook Playback-Gitarre dazu. Die Gäste kichern verstohlen. Ich kichere mit. Bizarre Sache.
Jetzt werden wir von der Busfahrerin in den Keller dirigiert und stolpern im Gänsemarsch die kleine Treppe hinab ins muffige Untergeschoss. Drei weitere Performances warten auf uns, die nicht minder verrückt anmuten. Mir dämmert so langsam, dass es sich um Reminiszenzen handeln muss: Marina Abramovics Bogenschießaktion, Gilbert & Georges Singing Sculpture und was von Yoko Ono. Bei der letzten Keller-Station müssen alle einen weißen Mundschutz anlegen und sehr ernst sein, was natürlich keinem gelingt. Es folgt eine Schönheits-OP mit ganz vielen Strohhalmen und Schwarzlicht, an deren Ende die behandelte Patientin aussieht wie ein entstellter Michael-Jackson-Igel auf zwei Beinen. Surreal, denke ich und wähne mich wie in einer Inszenierung von Luis Buñuel. Zwei Comedians werfen uns schließlich aus der Galerie.

Ein paar unschlüssig geschlenderte Meter weiter, vernehme ich Gemurmel, das aus der offenen Tür eines unbeleuchteten Concept Stores auf die menschenleere Straße dringt. Ich lese etwas von Bar, durchquere, dem Gemurmel folgend, den dunklen Store, und erklimme eine ausladende Treppe ins Obergeschoss. Oben angekommen öffnen sich drei große, helle Räume voller Menschen, die an kleinen Tischen sitzen, essen, trinken und reden. Spooky irgendwie. Als sei er trumanshowmäßig für mich reserviert, ist an der langen Marmortheke noch genau ein einziger, allerletzter Platz frei. “el imparcial” lese ich auf den Visitenkärtchen, die vor mir liegen. Die Bar ist eigentlich mehr ein Appartement, der Style kosmopolitisch chic. Ein angesagter Mix aus Gründerzeitwohnung, wohlkuratierter Mid-Century-Möbel-Collage und zauberhaft arrangierten Blumenbouquets. Skandinavien meets Eklektizismus. Offenbar hocken die Leute jeden Abend hier, irgendwie wie eine Art WG, denke ich, toll. Die zehn Undercut-Girls am fancy Lesbentisch neben mir werden ohne Bestellung bedient. Man kennt sich und die aparte Butchy-Barkeeperin mit hellblondem Pottschnitt und hoch geknöpftem Jeanshemd serviert mit mindestens drei Miniflirts und vornehmlich küssend ihre Drinks.

Ich bestelle einen schnöden Rotwein und schiebe gesalzene Nüsse und Maiskörner in mich hinein. Vor mir zaubert Butchy rasant ihre Cocktails. “Yeah, Hard Shake”, denke ich, “gut die!” Plinker. Plinker. Rechts neben mir, im Schneidersitz auf dem Barhocker, hopst ein zierliches Mädel mit tiefschwarzem Haar und dunklen Augen herum. Sie streichelt ein dickes schwarzes Buch und quasselt ununterbrochen auf die Barkeeperin ein. “Aurelia Latorre”, stellt sie sich schließlich vor, “Barmanagerin!” Dann trinken wir. Und weil Aureila und ich uns nicht viel zu sagen haben, ich kann kein spanisch, sie kaum englisch, lehren wir uns gegenseitig Trinksprüche und meiern Berlin runter, obwohl Aureila nie da war, trotzdem: Blödes Berlin! Alles besser in Madrid! Prost! Hicks!

Wir malen auf Servietten und lassen uns von Butchy Barkeepy wilde Cocktails mixen. “Something very special!”, ordere ich angeberisch. “Pisco-Sour!”, serviert Butchy überlegen lächelnd. “Uh! Very strong!”, murmel ich kleinlaut. Langsam verschmelze ich mit der Bar-WG. Aurelia ist wahnsinnig aufgeregt, fast hyperaktiv, immer hopsend, dabei aber ziemlich lustig. Irgendwann merkt sie, dass ich aus Deutschland bin und will mir deshalb unbedingt ein irre gutes spanisches Bier andrehen: “You must drink!”, brüllt sie exaltiert und ignoriert meine Abwehr. Sie krabbelt halb über den Tresen und angelt eine Flasche Alhambra 1925 aus dem Kühlfach. Plöpp. Plöpp. Schon habe ich neben Rotwein, dem peruanischen Sour-Gedöns noch ein halbes Bier auf dem Tresen stehen. “Cold! Cold! Cold!” ruft Aurelia und zischt das Gebräu auf ex. “Aaah!” Dann nestelt sie wieder nervös an ihrem Handy rum. Muss paar Freunden was schreiben. Inzwischen flirtet Butchy auch mit mir. Nice, denke ich. Dann bin ich plötzlich sehr betrunken und muss flott ins Hotel zurück bevor der Filmriss droht.

 

English Version: One Day Madrid
While I was a Berlin fan last year, my city’s heart changes faster than Dorothy Parker’s lovers: Madrid! Quite the opposite of Berlin. Catholic, pleasurable, opulent. Not famous landmarks, but architecturally a glamorous hollywoodesque art-deco setting, through which one walks like through a 1920s film set – everything is stage.

My first stop is the „Mercado de San Miguel“. O holy drool! If there’s a god, here’s his food-porn paradise. At Pinkleton & Wine at the bar they, the Baby Shimmerless and Spazls of the city sit. It chews and chats, it chuckles and chuckles. Compared to Berlin, the people here are confusingly in good spirits and wear disturbingly colourful clothes and smell provocative of perfume. Nothing Normcore! Here you can get dressed up with pleasure. Here, Nicolas Maillart’s Brut platine is tilted behind the bandage at three o’clock in the afternoon. Fuck detox, they’re still drinking and squawking and farting in Madrid. I don’t read an intolerance warning in the city, but in the Prado I have to avoid nasty, stinking visitor farts time and time again.

The members of the Pinkleton Round Table are as busy as ants in creating gourmet delicacies: foamed buffalo mozzarella creations, empanadas and exquisitely sandwiched tappas, freshly fried baby anchovies and mini-calamares, a variety of draped olive skewers, or may it be oysters with mango ceviche and galangal spuma? „Si! Sì, I nod vigorously, „always over there!“ Sip, spoon, suck, delicious! You could eat your way through this land of milk and honey for weeks! I’ll do it for at least an hour. Burp! Aaah! Pardon!

From „Lhardy“ (Mocca-Ecclair) and „Casa Mira“ (violet sweets) via the roof terrace of the Fine Arts Theater (Panorama) to the Thyssen Bornemisza collection (art historian playboy). From there I set out to discover the working-class quarter Lavapiés, which has since been completed. Today the Kamikaze Theatre presents the play „Ilusiones“. Unfortunately, I’ll never get there. The alleys of this former drug and squatter quarter are so narrow and confusing that even Mr. Google doesn’t know what to do and centers me every minute. I walk in circles four times and after two kilometres of mumbling I am standing on the same street corner again. Damn it! Then the battery’s dead and it’s fucking dark by now.

Exhausted I walk on through this miserable labyrinth, once I turn off differently and see a brightly lit shop, into which a few young people scurry. I decide to slip through the half-opened door. About thirty people noddle in the room, whose walls are painted gold. There are wine and nuts and a small, stout woman of about fifty, with glasses and shaggy, dark hair, who looks like a bus driver just cast off the road, greets the guests. Everybody giggles except me. A charming Brad-Pitt-Alike senses my incomprehension and quickly whispers to me „Art Performance“ and „Juan Gallery“. „Aha!“

Then let’s get started. Three up-and-coming artists trashyly sing a Spanish lyrics to Joseph Beuys‘ equally trashy song „Sonne statt Reagan“, which creaks out of a loudspeaker. Another woman, who looks like a Jeanne Claude-Double with her bright red dishevelled hair, plays playback guitar in a leather-rivet-tiger-look. The guests giggle stealthily. I’m giggling with. Bizarre thing.
Now we are directed into the cellar by the bus driver and stumble down the small stairs into the musty basement. Three more performances are waiting for us, which seem no less crazy. It’s dawning so slowly that it must be a reminiscence: Marina Abramovic’s archery action, Gilbert & Georges Singing Sculpture and what of Yoko Ono. At the last basement station everyone has to wear a white mouthguard and be very serious, which of course no one can do. This is followed by a cosmetic operation with lots of straws and black light, at the end of which the treated patient looks like a deformed Michael Jackson hedgehog on two legs. Surreal, I think and feel like in a production of Luis Buñuel. Two comedians finally kick us out of the gallery.

A few indecisively strolled metres further on, I hear murmurs penetrating from the open door of an unlit concept store into the deserted street. I read something of bar, cross, following the murmur, the dark store, and climb a sweeping staircase to the upper floor. Upstairs there are three large, bright rooms full of people sitting at small tables, eating, drinking and talking. Spooky something. As if it were reserved for me as a truman show, there is exactly one last one on the long marble counter.

„el imparcial“ I read on the business cards in front of me. The bar is actually more of an apartment, the style cosmopolitan chic. A trendy mix of Wilhelminian style apartment, well-curated mid-century furniture collage and enchantingly arranged flower bouquets. Scandinavia meets eclecticism. Apparently, people sit here every night, kind of like a shared flat, I think, great. The ten undercut girls at the fancy lesbian table next to me are served without an order. We know each other and the distinctive Butchy barmaid with light blond sperm cut and high buttoned denim shirt served with at least three mini flirts and mainly kissing her drinks.

I order a filthy red wine and shove salted nuts and corn grains into me. Butchy quickly conjures her cocktails in front of me. „Yeah, hard shake,“ I think, „good one!“ Plinker. Plinker. To my right, sitting cross-legged on a barstool, a petite girl with deep black hair and dark eyes is hopping around. She caresses a thick black book and babbles continuously at the bartender. „Aurelia Latorre“, she finally introduces herself, „bar manager!“ Then let’s drink. And because Aureila and I don’t have much to say to each other, I don’t speak Spanish, they hardly speak English, we teach each other toasts and meiern Berlin down, although Aureila was never there, nevertheless: Stupid Berlin! Everything better in Madrid! Cheers! Hiccup!

We paint on napkins and let Butchy Barkeepy mix us wild cocktails. „Something very special!“, I order boastful. „Pisco sour,“ Butchy serves with a superior smile. „Uh! Very strong!“, I mumble meekly. Slowly I am merging with the bar flat share. Aurelia is incredibly excited, almost hyperactive, always hopping, but quite funny. At some point she realizes that I’m from Germany and therefore wants to have a really good Spanish beer: „You must drink“, she shouts exalted and ignores my defense. She crawls half over the counter and fishes a bottle of Alhambra 1925 from the refrigerator. Pop. Pop. I already have half a beer on the bar next to red wine, the Peruvian Sour-Gedöns. „Cold! Cold! Cold“ calls Aurelia and hisses the brew on ex. „Aaah!“ Then she nests nervously on her mobile again. Got to write something for some friends. Meanwhile Butchy flirts with me, too. Nice, I think. Then I suddenly get very drunk and have to get back to the hotel before the film threatens to rupture.

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